Beijing Bubbles – Punk and Rock in China’s Capital

Desillusioniert, aber neugierig wagt sich der heimische Punkrocker ins Kino zur Vorführung von „Beijing Bubbles – Punk and Rock in China’s Capital“. Beim Betrachten der Doku werden seine Augen feucht und er zieht ein Taschentuch, bedruckt mit Totenköpfen oder „Punk’s not dead“-Schriftzug, aus seiner bei Ebay erstandenen, bereits mit Nieten und Aufnähern komplettierten „Used Look“-Lederjacke.

Denn während die Punks in Europa mittlerweile mehr mit der Vermarktung ihres Lifestyles als mit bürgerlichen Vorurteilen oder Polizeirepressalien zu kämpfen haben, spukt der Geist des Punk nun frisch auferstanden in China herum.

Drei Jungs klimpern enthusiastisch Ramones-Songs auf der Gitarre, stolpern dabei über das „Hey! Ho!“, das unvereinbar mit ihrem chinesischen Akzent zu sein scheint, und brechen in Gelächter aus. Ein anderer hockt im Schneidersitz vor einem lächerlich kleinen Keyboard und gibt für die Kamera seinen Lieblingshit zum Besten, „Das Model“ von Kraftwerk.

So rührend erheiternd diese Szenen auch wirken, die Begeisterung ist echt. Die fünf vorgestellten Pekinger Bands, die ganz unterschiedliche Stilrichtungen vertreten, leben den Punk. Mainstream und bürgerliche Lebensweise, gegen die sie sich bewusst entscheiden, werden immer wieder unkommentiert der Subkultur gegenübergestellt.

Nicht nur Kamerastil und filmische Punkästhetik, sondern auch die erfrischende Naivität und Kompromisslosigkeit der Protagonisten erinnern an die deutschen Punkdokus vom Anfang der 80er a lá „Randale und Liebe“. Ähnlich auch das Ambiente, die abgewrackten Häuser, die mit Sprüchen vollgeschmierten Wände, die Zimmer, in denen sich die Leute stapeln, aber egal, Hauptsache zusammensein.

Hüben wie drüben finden wir dieselben Ideale: „I just wanna sing, drink and fuck“. Doch gibt es auch Unterschiede: Galt es hierzulande als oberstes Gebot, auf seine Eltern zu pfeifen – um es mit Rio Reiser zu sagen „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ – rocken die im Film porträtierten Twens aus Pekings Undergroundszene mit dem Segen ihrer Eltern, weswegen letztere konsequenterweise ihren Platz im Film haben.

Ein neuer Blick auf eine fremde Kultur verändert stets auch den auf die eigene, und so leistet diese unterhaltsame Dokumentation alles, was auch jeder gute ethnologische Film erreichen will.

In diesem Sinne: Never mind Germany, here’s China!


Erstmals erschienen in der Print- und Online-Version des Stadtmagazins Szene Hamburg.


About the author

Mary from "Turbo Booking" is the founder of Punk Planet.

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