Between the lines – Indiens drittes Geschlecht

D/IND 2005. Regie: Thomas Wartmann.

Obwohl dieser Dokumentarfilm von armen, gesellschaftlich ausgegrenzten Indern handelt, kann man sich das Taschentuch für die bitteren Tränen der Betroffenheit sparen. Dies ist kein weiterer Film, der mit phantasielosem Buhlen um Political Correctness langweilt. Keine Message drängt sich auf, keine suggestive Forderung nach mehr Verständnis oder Toleranz. Bei Between the lines ist Spaß erlaubt, ungewöhnlich, wenn man bedenkt, daß es ein Film über Menschen ist, die betteln oder sich prostituieren, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. 

Man sollte die Leichtigkeit der Erzählung jedoch nicht mit Oberflächlichkeit verwechseln. Es ist vielmehr der Verzicht auf die üblichen melodramatischen Mittel, der davor bewahrt, daß die eingeimpften Schuldgefühle der abendländischen Mittelklasse den Filmgenuß blockieren (»Iß auf, die Kinder in Äthiopien müssen hungern!«). Bei der gewohnten Berieselung von salbadernden Möchtegernopfern in diversen Fernsehformaten überrascht und erleichtert die nüchterne Art der Hijras und deren Darstellung. Genau dies ist das Geheimnis, weswegen sie für das Publikum zu Helden avancieren können. Sie selbst akzeptieren ihre Angehörigkeit zum dritten Geschlecht nicht nur, sondern sind stolz darauf und haben keinerlei Ambitionen, sich für die männliche oder weibliche Seite zu entscheiden. Between the lines erbringt die Meisterleistung, diesen für westliche Zuschauer so schwer begreifbaren Way of Life nicht nur transparent, sondern darüber hinaus als ganz natürlich empfindbar zu machen.

Dabei vollzieht sich ein wellenförmiger Prozeß abwechselnder Nähe und Fremdheit. Wenn man sieht, wie Asha keck und überaus schlagfertig durch die Straßen zieht und verliebte Pärchen gegen einen geringen Obulus segnet, ob diese wollen oder nicht, notfalls auch mit Drohungen wie »Gebt Geld, sonst hebe ich meinen Rock«;, kommt einem ihr provokantes Gebaren altvertraut vor. Man findet es wohl bei allen, die sich durchboxen müssen, um zu überleben, ob in Europa oder Asien. In der nächsten Szene rücken die Figuren wieder in weite Ferne, meistens wenn es um den religiösen Hintergrund der Hijra-Kultur oder ihre Stellung in der Gesellschaft geht. Das hierarchisch geordnete Leben in Kommunen unter Leitung eines Guru, das Segnen von Neugeborenen, Fruchtbarkeitsrituale und vor allem die soziale Realität des zwar als solches anerkannten, doch argwöhnisch beäugten dritten Geschlechts bleibt befremdend. In der westlichen Hemisphäre gibt es nichts dieser bunten Mischung von Transvestiten und Transsexuellen Vergleichbares. Umso spannender ist das Kennen- und Schätzenlernen dreier völlig unterschiedlicher Hijras, und damit das Verschieben der eigenen Perspektive, womit das Ziel jedes ethnologischen Films erreicht wäre.

Der Trick dabei ist das Einsetzen einer Mittlerin, der Fotografin Anita Khemka, die als Frau Zugang zur Gruppe der Hijras hat, in der indischen Gesellschaft zu Hause ist und erzählt, wie sie sich als Kind vor den schillernden Gestalten gefürchtet hat. Als Identifikationsfigur freundet sie sich mit Asha, Rhamba und Laxmi an, läßt sich deren Welt zeigen und erklären, durchlebt mit ihnen Höhen und Tiefen, die nach und nach zu ihren eigenen werden. Laxmi schafft es, sie mit ihrer Lebensphilosophie aus dem Konzept zu bringen: »Seid Ihr so frei, wie wir es sind?« Zwischen den Zeilen stehen Hijras für die (sexuelle) Freiheit, die sich die anderen versagen. Endgültigen Abschied von einer irgendwie erhabenen Beobachterposition nimmt Anita, als sie ihren glücklich verheirateten Onkel beim Hijra-Festival in Koovagam trifft, wo sich nachts die Hijras als Bräute rituell mit von ihnen ausgewählten Männern vereinigen. Spätestens durch diesen erschütternden Vorfall gewinnt man auch als Zuschauer das Gefühl, mittendrin zu sein statt nur dabei.

Durch die Verbindung mit der Fotografie Anitas, den eingefrorenen Filmbildern und den spannungsgeladenen Übergängen zwischen extradiegetischer Musik und innerfilmischen Originalklängen, erhält Between the lines eine stark ästhetische Komponente. Aber anders wäre die grelle Vielfarbigkeit der Hijras gar nicht adäquat darstellbar, da körperliche Ästhetik einen wichtigen Teil ihres täglichen Lebens darstellt, fast als würden sie nur existieren, um fotografiert und betrachtet zu werden.

Der Schnitt tut sein übriges – nach intimen Gesprächen mit den Hijras, in denen man ihre Weltsicht zu verstehen beginnt, kommt immer wieder ein Gegenschnitt auf das Schönheitsideal der übrigen Welt, zu Werbebildern auf Bussen oder Plakaten, wobei man die darauf abgebildeten Models nun als besonders fad und nichtssagend empfindet. Auf einmal hat man das Gefühl, die Hijras seien die einzig Normalen in dieser Welt und alles andere wirke ziemlich bizarr.


Erstmals erschienen in der Print- und Onlineversion des Schnitt Magazins.


Links

Between the Lines auf DVD (OmU).

Hijra on Wikipedia.


About the author

Mary from "Turbo Booking" is the founder of Punk Planet.

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